Folgen für Betroffene

Die Folgen von Kompetenzlücken im Bereich der digitalen Grundkompetenzen zeigen sich für Betroffene in unterschiedlichen Problemfeldern. Zum einen droht ihnen mit dem digitalen Wandel zunehmend der gesellschaftliche Ausschluss, zum anderen besteht die Gefahr, dass sie neuen Anforderungen des Berufslebens nicht mehr genügen. Laut Erhebungen des Bundesamts für Statistik (2018) verfügt fast ein Viertel der Schweizer Bevölkerung über keine oder nur geringe digitale Kompetenzen.

Gesell­schaftlicher Aus­schluss

Werden Dienstleistungen nur noch über digitale Zugänge angeboten, besteht die Gefahr der sozialen Ausgrenzung einzelner Gesellschaftsgruppen. Zahlreiche Beispiele sind diesbezüglich im Alltag zu beobachten:

  • Finanzdienstleistungen von Banken und der Post werden primär über das Internet angeboten. Alternative OfflineLösungen werden zusätzlich in Rechnung gestellt.
  • Administrative Verfahren und staatliche Dienstleistungen (z.B. die Bestellung eines Reisepasses, Einreise in einen Drittstaat) erfordern eine vorherige Registrierung über das Internet oder können nur noch über «digitale Schalter» bezogen werden.
  • Fahrkarten des öffentlichen Verkehrs können fast ausschliesslich am TouchScreen Automaten mit Kartenzahlung erworben werden.
  • Tickets für kulturelle Anlässe sind oft nur über das Internet erhältlich.
  • Zahlungsvorgänge werden zunehmend über Kreditkarten abgewickelt und/oder sind nur noch in digitaler Form (z.B. über eine SmartphoneApp) möglich.
  • Grosshändler setzen SelfScanning-Kassen ein, nur wenige Kassen sind bedient.
  • Mediale Inhalte verschieben sich ins Internet (Podcasts, Video on Demand).
  • Soziale Interaktionen verlagern sich in digitale Foren (z.B. Chatgruppen, Social Media).

Betroffene, die nicht mit digitalen Geräten vertraut sind, werden von obigen und ähnlichen Dienstleistungen oftmals ausgeschlossen oder sind zu deren Nutzung auf die Hilfe anderer Personen angewiesen. Für konventionelle Offline-Alternativen – sofern sie noch angeboten werden – fallen in der Regel zusätzliche Gebühren an, die den Charakter einer ‘Strafgebühr’ annehmen. Betroffene verzichten in der Folge häufig auf die Beanspruchung solcher Dienstleistungen. Sie zögern etwa den öffentlichen Verkehr zu nutzen oder bleiben kulturellen Veranstaltungen fern. Dadurch wird ihr Selbstverständnis tangiert. Sie zweifeln an ihren eigenen Fähigkeiten und verlieren oftmals den Mut und die Motivation, um mit dem digitalen Wandel Schritt zu halten, was die gesellschaftliche Isolation weiter verstärkt. Ausserdem laufen sie Gefahr, nicht mehr über alle relevanten gesellschaftlichen Aktualitäten, etwa politische Sachgeschäfte, behördliche Anweisungen oder konsumrelevante Informationen, unterrichtet zu sein. Auch fällt in besonders gravierenden Fällen der Anschluss an die sozialen Bezugspersonen (Familie, Freunde, etc.) schwer, wenn sich die Kommunikation weitgehend in den digitalen Raum verlagert.

Erschwerte berufliche Inte­gration

Die Anforderungen an digitale Grundkompetenzen steigen auch in der Berufswelt. Erwerbstätige mit entsprechenden Lücken weisen tendenziell schlechtere Berufsaussichten und eine tiefere Jobsicherheit auf. Ferner sind sie in ihrer beruflichen Selbstbestimmung eingeschränkt: 

Zum einen sind bereits bei der Jobsuche grundlegende digitale Fähigkeiten von Vorteil. Viele Jobinserate werden ausschliesslich auf Internetportalen aufgeschaltet und häufig werden nur noch digitale Bewerbungen entgegengenommen. Das Zusammenstellen eines konkurrenzfähigen Bewerbungsdossiers erfordert Grundkenntnisse in der Textverarbeitung (etwa in Office-Programmen). Schliesslich nimmt der Stellenwert der Selbstvermarktung und Vernetzung über soziale Medien zu.

Zum anderen sind digitale Grundkompetenzen zunehmend eine zentrale Voraussetzung, um die eigene Arbeitsmarktfähigkeit zu erhalten. So besteht kaum ein Unternehmen, dass nicht auf digitalisierte Anwendungen und Prozesse angewiesen ist, sei es beim Verfassen von Berichten oder Rapporten, der Informationsbeschaffung, der Dokumentation von Projekten, der (digitalen) Kommunikation mit Kunden und Partnern, der Leistungsabrechnung, dem elektronischen Zahlungsverkehr oder der digitalisierten Aufbewahrung von Dokumenten. Auch kleine Handwerksbetriebe sind vermehrt auf digital gesteuerte Maschinen und digitale Anwendungen angewiesen (u.a. um kostengünstiger produzieren und/oder die eigenen Dienstleistungen über das Internet bewerben und vertreiben zu können). Genauso wird der geschäftliche Einkauf immer häufiger über das Internet oder andere digitale Schnittstellen abgewickelt. Gleichermassen sind heute selbst Berufsfelder wie das Gast-, das Beförderungs- und das Reinigungsgewerbe von der Digitalisierung betroffen, die früher wenig diesbezügliche Kompetenzen erforderten: Aufträge (Übernachtungsreservationen, Fahr- und Reinigungsaufträge etc.) werden vermehrt über digitale Anwendungen (Apps auf Handy oder Tablet) entgegengenommen, die Abrechnung der Dienstleistungen erfolgt digitalisiert. Dies alles setzt beim ausführenden Personal grundlegende digitale Kompetenzen voraus, ohne die es schwierig wird, die eigene Arbeitsmarktfähigkeit längerfristig zu erhalten. Dieser Trend ist auch bei anderen geschäftlichen Routineaufgaben (von Sekretariatsarbeiten bis zu Produktionsarbeiten) zu beobachten, da im Zuge der Effizienzsteigerung entsprechende Aufgaben automatisiert oder gar eliminiert werden.

Diese Aufzählung ist keineswegs abschliessend. Doch macht sie deutlich, dass kaum mehr Arbeitsbereiche bestehen, die nicht von der Digitalisierung betroffen sind – mit entsprechenden Risiken und Folgen für die Betroffenen.

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Literaturhinweise:

Bundesamt für Kommunikation. 2018. Strategie Digitale Schweiz.

Bundesamt für Statistik. 2018. Erhebung zur Internetnutzung 2017: Digitale Kompetenzen, Schutz der Privatsphäre und Online-Bildung: die Schweiz im internationalen Vergleich. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.

Bundesamt für Statistik. 2018. Hochschulabschlüsse, digitale Kompetenzen, Forschung und Entwicklung, abrufbar unter: Zur Webseite

Coffin Murray, Meg, und Jorge Pérez. 2014. Unraveling the Digital Literacy Paradox: How Higher Education Fails at the Fourth Literacy. Issues in Informing Science and Information Technology 11:085–100. DOI: https://doi.org/10.28945/1982.

Ferrari, Anusca, Yves Punie, Barbara N Brečko, und Institute for Prospective Technological Studies. 2013. DIGCOMP: A framework for developing and understanding digital competence in Europe. Luxembourg: Publications Office, abrufbar unter: PDF-Dokument

Rat der Europäischen Union. 2018. Empfehlung des Rates vom 22. Mai 2018 zu Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen. Rat der Europäischen Union.

Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI. 2019. Orientierungsrahmen Grundkompetenzen in Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT).

Weitere verwendete Literatur

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